Mein Leben mit dem Stigma — Sichtbarkeit kostet Mut

Von Luna Lumiere

Es ist ein Mittwoch im Februar. Seit Tagen fiebere ich diesem Moment entgegen. Mein Magen fühlt sich mulmig an und meine Hände schwitzen, als ich morgens die Wohnung verlasse und mich auf den Weg mache. Es ist der Tag, an dem ich einen Termin bei der Bank habe.

Seit Monaten überlege ich schon, endlich ein Geschäftskonto zu eröffnen. Ich meine, die meisten Selbstständigen haben doch eins. Wieso hadere ich also so?

Auf meinem Weg zur Bahn gehe ich nochmal alle Szenarien durch. Wird er mich fragen, was ich beruflich mache? Wie weit werde ich es erklären müssen? Was wird er denken, wenn ich ihm die Wahrheit über meinen Job sagen muss? Wie wird er mich anschauen? Wird er mit mir flirten oder mich abweisen und meinen Antrag aus dem System nehmen?

Das ist nur ein Teil meiner Sorgen. Ich weiß auch von meinen Kolleg*innen, wie es bei denen gelaufen ist — und das macht wenig Mut.


Der Moment der Wahrheit

Es ist soweit, ich bin angekommen. Jetzt heißt es, Mut zusammennehmen und rein da. Mein Herz rast. Wir begrüßen uns. Er nimmt meinen Bescheid vom Finanzamt zur Kenntnis und prüft meinen Personalausweis. Es geht alles so schnell und er sagt: „Alles fertig, rufen Sie einfach nochmal bei uns an und das war's!"

Wie, „das war's?"?! Ich komme mir blöd vor. Wieso hatte ich denn bloß solche Angst vor diesem Termin, wenn ihn im Endeffekt nichts interessiert hat?

Am Ende liegt es wohl an der Tagesform der Bankangestellten, ob man ein Konto bekommt oder nicht. Glück gehabt.

Ich bin erleichtert und ungemein erfreut darüber, endlich „professionell" arbeiten zu können. Mich zu fühlen wie eine normale Solo-Selbstständige.


Herzrasen als Dauerzustand

Solche Tage erlebe ich häufig. Herzrasen, feuchte Hände und ein schwerer Magen. Sei es der Besuch ferner Verwandtschaft oder bei den Eltern meiner Freund*innen. Gerade bei Ersterem weiß ich sicher, wie sie reagieren würden, wenn ich ihnen erzählte, was ich beruflich machte.

Da würde ich nicht nur meinen Ruf — welcher mir ehrlich gesagt relativ egal ist (ganz nach dem Motto: „Ist der Ruf einmal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert") — sondern auch den meiner Kernfamilie schädigen.

„Hast du deine Tochter nicht richtig erzogen?", „Wurde sie missbraucht?", „Ist sie drogenabhängig?" — Alles Vorurteile, die ich mir schon persönlich mehr als einmal anhören durfte.

Das möchte ich ihr nicht antun. Daher sind meine Familienmitglieder wohl die einzigen Personen, denen ich nichts über meinen Beruf erzähle. Ich bin mir natürlich bewusst, dass es dennoch die Gefahr gibt, dass sie durch meine Medienpräsenz auf meine Arbeit stoßen — und dann soll es wohl so sein.


Was ich meinen Freund*innen zumute

Genauso ist es bei den Verwandten oder Bekannten meiner Freund*innen. Hier oute ich mich allerdings bewusst vor ihnen, um meiner aktivistischen Ader gerecht zu werden. Dennoch sind meine Freund*innen alles junge Frauen. Was würden ihre Eltern auch auf sie projizieren? Es würden wohl zum Teil dieselben Fragen auftauchen wie auch bei meiner Familie.

In welches Licht rücke ich meine Freund*innen, die so stolz hinter mir stehen?

Letztendlich weiß ich nie genau, was in den Köpfen meines Gegenübers vor sich geht. Verstummen, Sexualisieren und Mitleid spürt man allerdings schon aus tausend Metern Entfernung.


Solidarität statt Abwertung

Ich frage mich oft, wie es Sexarbeitenden geht, die sich nirgends outen können — die keinen sozialen Rückhalt haben. Selbst mir, in Berlin, einer Metropole mit reichlich sexpositiven Räumen und Menschen, läuft immer noch ein Schauer über den Rücken, wenn ich auf neue Menschen treffe.

Mein Beruf wird so oder so Thema sein. Denn ich möchte nicht lügen müssen. Meine Arbeit ist ein großer Teil meiner Identität. Verstecke ich sie, verstecke ich auch mich selbst.

Deswegen stelle ich mich diesen Situationen Tag für Tag. Ich leiste kostenlose Aufklärungsarbeit, kämpfe für meine Rechte und die Rechte der Menschen in meiner Branche und halte Stille und Abweisung aus.

Nur um eines Tages in einer Welt aufwachen zu können, in der Menschen solidarisch zueinanderstehen, anstatt sich gegenseitig abzuwerten.

Luna Lumiere

Autor*in:Luna Lumiere arbeitet seit 2024 als Sexarbeiter*in. Sie studiert soziale Arbeit, ist politisch engagiert und setzt sich unter Anderem für die Rechte von Sexarbeitenden ein