Rechte statt Rettung
Feministische Perspektiven auf Sexarbeit und Arbeitsrealitäten von Sexarbeitenden
Workshop: 15.01.2026, 17:30 Uhr
Ort: Karl-Liebknecht-Haus
Eintritt: Kostenlos
Anmeldung:
Beschreibung
Debatten über Sexarbeit sind häufig stark moralisch aufgeladen und blenden dabei die tatsächlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Betroffenen aus. Statt differenziert über soziale, ökonomische und politische Rahmenbedingungen zu sprechen, dominieren vereinfachende Narrative von Opfer- oder Horrorgeschichten.
Dabei sind es – wie in vielen anderen Berufen – ökonomische Zwänge, gesellschaftliche Ungleichheiten, Migrationserfahrungen, Care-Verantwortung und fehlende Alternativen, die die Entscheidungen vieler Sexarbeiter*innen prägen.
Ein zentraler Schwerpunkt des Workshops ist das massive gesellschaftliche Stigma, dem Sexarbeiter*innen ausgesetzt sind. Dieses wirkt ausgrenzend, entmenschlichend und gefährdend – und ist für viele belastender als die Arbeit selbst. Stigmatisierung erschwert den Zugang zu Rechten, Gesundheitsversorgung, rechtlichem Schutz und Solidarität und begünstigt Gewalt.
Im Workshop setzen wir uns kritisch mit unseren eigenen Bildern, Erzählungen und Vorannahmen über Sexarbeit auseinander: Woher stammen sie? Wem nützen sie? Und wessen Perspektiven fehlen? Gemeinsam analysieren wir, warum strafende oder repressiv gedachte Ansätze – wie das sogenannte Nordische Modell – die Lebensrealitäten von Sexarbeiter*innen verschärfen, Risiken erhöhen und Unsicherheit produzieren, statt Schutz zu bieten.
Ein weiterer Bestandteil ist die Auseinandersetzung mit der Istanbul-Konvention. Wir beleuchten, warum ihre konsequente Umsetzung gerade auch für Sexarbeiter*innen zentral ist – insbesondere im Hinblick auf Gewaltprävention, Schutz vor staatlicher Willkür und den Zugang zu Unterstützungssystemen. Gewaltbekämpfung und die Wahrung von Rechten werden dabei als untrennbar miteinander verbunden verstanden.
Ziel des Workshops ist es nicht, Sexarbeit zu romantisieren oder zu vereinfachen. Vielmehr geht es um Aufklärung über Lebensrealitäten, das Sichtbarmachen struktureller Bedingungen und die Anerkennung von Sexarbeiter*innen als handelnde Subjekte mit vielfältigen Erfahrungen. Im Mittelpunkt stehen Sicherheit, Selbstbestimmung, Arbeitsrechte, politische Teilhabe und der Abbau von Stigma – jenseits von Moralismus und Repression.
Referent*innen
Anne Bonny verfügt über rund 14–15 Jahre Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen der Sexarbeit, darunter Tätigkeiten im Bordell, als Escort sowie weitere Arbeitsformen. Neben der eigenen Praxis ist Anne in der politischen Bildungsarbeit aktiv und engagiert sich im Sexarbeitsaktivismus.
Die Perspektive ist geprägt durch die Verbindung von langjähriger Berufspraxis und fundierter politischer Analyse sexarbeitsbezogener Macht- und Arbeitsverhältnisse, mit Fokus auf Arbeitsrechte, Prekarität, Stigmatisierung und feministische Strategien jenseits von Repression und Moralisierung.
Alice Spring kommt aus Australien und lebt und arbeitet in Berlin. In Melbourne, wo Sexarbeit vollständig entkriminalisiert ist, hat they andere Arbeitsbedingungen kennengelernt. Vor diesem Hintergrund erlebt they die Situation in Deutschland als problematisch – insbesondere in Bezug auf Sicherheit und Arbeitsrechte.
Alice begann mit 19 Jahren in der Sexarbeit und beschreibt diese Tätigkeit als Leidenschaft. Aktivistisch war they an der Ausarbeitung des australischen Sexarbeitsgesetzes beteiligt und setzt sich heute für die Verbesserung der Arbeitsrechte von Sexarbeiter*innen in Deutschland ein.
charly Koch bringt eigene Erfahrung aus zwei Jahren Tätigkeit als Escort und in Bordellen mit. Diese Phase begann geringfügig neben dauerhafter Erwerbsunfähigkeit und ging später in langjähriges Sexwork-Aktivismus- Engagement über.
Der Schritt in die Praxis erfolgte bewusst erst Mitte dreißig – in einem Lebensabschnitt, in dem Körpergefühl, Selbstvertrauen und persönliche Stabilität gegeben waren. Diese Mischung aus gelebter Erfahrung, reflektierter Entscheidung und politischem Engagement prägt charlys Perspektive heute: praxisnah, kritisch und empowernd.
